Die Weltwirtschaft bleibt fragil, die Geopolitik instabil

Anlagepolitik, Juli 2019

Die Weltwirtschaft bleibt fragil, die Geopolitik instabil

Die Weltwirtschaft bleibt fragil, die Geopolitik instabil. Die US-Zentralbank signalisiert Zinssenkungen, doch diese werden von den Märkten bereits eingepreist. Die Anlagepolitik bleibt «Sicherheit vor Rendite»: wir präferieren Kapitalschutz durch partielle Aktienuntergewichtung. Die Aktienmärkte zeigten im Juni wieder eine starke Bewertungserhöhung. Die wirtschaftlichen und geopolitischen Unsicherheiten sind derzeit weiter zu hoch, um sorglos zu sein.

Die Situation in der Weltwirtschaft bleibt fragil. Weltweit hat sich in den letzten Monaten der Abschwung der Industrieaktivität beschleunigt. Die meisten Vorlaufindikatoren sowohl in der verarbeitenden Industrie wie im Dienstleistungsgewerbe zeigen eine höhere Verwundbarkeit an – bei der Nachfrage und auch bei der Produktion. Das Hauptrisiko ist eine weitere Verschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und China. Auch Europa könnte Zollerhöhungen bekommen. Es darf nicht vergessen werden, dass Europa, auch die Schweiz, als exportorientierte Region wirtschaftlich von einer weiteren Abschwächung des Welthandels mehr betroffen werden würde als die USA. Der Konflikt zwischen den USA und China betrifft übrigens längst nicht mehr nur den Handel. Wie letztes Jahr beschrieben, geht es um nichts weniger als die immer mehr zunehmende Rivalität um geopolitische Macht im technologischen und militärischen Bereich. Die Angriffe auf Tanker im Persischen Golf nahe der Meerenge von Hormuz, durch welche 35 % des globalen Öltransportes gehen, zeigen zudem die Gefahr einer Konfrontation zwischen dem Iran und den USA, was die geopolitische Lage nochmals instabiler macht.

Aktien
Auch wenn sich temporär gewisse Stabilisierungszeichen zeigten, bleiben die Aktienmärkte aufgrund der ökonomischen und politischen Unsicherheiten anfällig für Korrekturen. Die Bewertung der wichtigsten Aktienmärkte ist wieder angestiegen. In den letzten Konjunkturzyklen betrug im US-Aktienmarkt die durchschnittliche Aktienkorrektur etwa 10 %, zudem gab es im Schnitt drei Korrekturen von je rund 5 % pro Jahr, nicht nur eine, was auf Verwundbarkeit deutet. Was Europa betrifft, ist das Risiko von Strafzöllen auf Autos und Autokomponenten, die in die USA importiert werden, noch nicht vom Tisch. Dies würde zu Abwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen in Europa, besonders in Deutschland, führen. Generell gilt ohnehin, dass die Unternehmensgewinne und daher Aktienmärkte in der Eurozone und den Schwellenländern auf Handelskonflikte speziell sensitiv reagieren, da diese Regionen ökonomisch offener sind als die USA. Zudem haben die USA klar mehr Handlungsspielraum in der Geldpolitik als die Eurozone. 

Unternehmensgewinne der Eurozone sind speziell sensitiv auf Handelskonflikte.

Gérard Piasko, Chief Investment Officer

Obligationen
Die Renditen der wichtigen Obligationenmärkte sind in den letzten Monaten klar gesunken, angeführt von den Renditen von Staatsanleihen. Dies hat wieder einmal gezeigt, dass die Hauptfunktion von Obligationen generell und Regierungsobligationen speziell die Diversifikation gegenüber den Aktien ist. Obligationenmodule dienen zur Diversifikation von Aktienmodulen dort, wo weniger Währungsvolatilität vorliegt: also weniger mit Schwellenländeranleihen, welche vom Handelskrieg mehr fundamental getroffen werden können als mit Anleihen in den Hauptwährungen. 

Ein wieder aufkommendes Thema bei den Obligationen war in den letzten Wochen die erneuten Diskussionen zwischen Italien und der Europäischen Union um das italienische Budgetdefizit. Als die populistische Regierung Italiens ein Budgetdefizit von 2,4 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) ankündigte, forderte die EU eine Klarstellung von Italien im Hinblick auf die getroffenen Abmachungen zur Eindämmung der mit 135 % des BIP enorm hohen italienischen Verschuldung. Da die EU disziplinarische Massnahmen gegen Italien ergreifen kann, besteht die Gefahr weiterer Kursschwäche italienischer Anleihen gegenüber deutschen oder schweizerischen Anleihen. 

Währungen
Die zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Anlagepolitik weiter ungelösten Streitigkeiten zwischen den USA und China sowie das Risiko von Strafzöllen gegenüber der Eurozone bedeutet insgesamt ein Risiko von ansteigenden Volatilitäten in den internationalen Währungsmärkten. Wie in den Kommentaren im ersten Quartal ausgeführt, war in den ersten Monaten dieses Jahres nicht nur die eingepreiste Volatilität der Aktienmärkte im historischen Vergleich zu niedrig, auch die eingepreiste Volatilität der Währungsmärkte war extrem tief. Sie ist seither angestiegen, hat jedoch weiteres Potenzial nach oben zu klettern. Wie oben beschrieben würde es uns nicht überraschen, wenn besonders die Schwellenländerwährungen (obwohl historisch niedrig bewertet) je nach Verlauf des Handelskonfliktes noch volatiler würden. Aber auch der US-Dollar zum Schweizer Franken sowie der Euro könnten in der nächsten Zeit wieder stärkeren Schwankungen unterliegen.

Rohstoffe
Die Rohstoffmärkte werden nun ebenfalls viel volatiler. Dies sehen wir am Beispiel Rohöl. Nach dem besten Jahresbeginn seit 1999 mit einer Avance von über 35 % folgte ein Rückgang von über 20 %. Dies zeigt zweierlei. Erstens sind von allen Anlageklassen die Rohstoffe oft am volatilsten. Zweitens sind die Unsicherheiten um die beiden Hauptfaktoren der Rohstoffmärkte, Angebot und Nachfrage, derzeit besonders hoch. Da im Gegensatz zu Anleihen und Aktien in Rohstoffen keine Renditen oder Dividenden erhältlich sind, dreht sich praktisch alles um die Antizipation von Änderungen bei Angebot und Nachfrage. Bei den Industriemetallen hat der Handelskonflikt und die Befürchtung um eine weitere Abschwächung des chinesischen Wirtschaftswachstums besonders Kupfer unter Druck gesetzt – denn die Nachfrage wird von China dominiert. Im Ölmarkt hat im ersten Quartal die Hoffnung auf eine Beilegung im Handelsstreit die Nachfrage beflügelt. Doch nach der Verschärfung des Handelsstreits wurde die Nachfrage von den Investoren niedriger eingeschätzt und eine Korrektur ausgelöst. In den nächsten Wochen werden die jeweils neuesten Nachrichten zum Handelskonflikt die Volatilität weiter bestimmen. Im Ölmarkt werden zusätzlich die internationale Lagerhaltung, die zuletzt anstieg, und eventuell eine weitere Produktionskürzung der OPEC die Preise beeinflussen. Die OPEC hat jüngst ihre Nachfrageschätzung für Öl nach unten revidiert.
 

Gérard Piasko

Gérard Piasko

Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann & Co. AG. Zuvor war er über viele Jahre CIO bei Julius Baer, bei Sal. Oppenheim und bei der Deutschen Bank.

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Redaktionsschluss: 20. Juni 2019

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